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14.09.2017 | Die Schicksalsweberei

Das Erstlingswerk der Schweizerin Evelyn Reimann: «Die Schicksalsweberei» ist eine märchenhafte Seelenreise zum Mittelpunkt ihrer Selbst.

2014 erschien im Verlag Johannes Petri Basel der erste Roman von Evelyn Reimann. Nach nur wenigen Wochen lag «Die Schicksalsweberei» bereits in der zweiten Auflage vor. Die 36jährige Schriftstellerin und Geisteswissenschaftlerin ist hochbegabt und hochsensibel. Wie es ist, mit diesen Wesenszügen zurechtzukommen, davon handelt ihr Roman. «Ich habe keinen anderen Weg als den eigenen», lautet eine zentrale Aussage der Autorin, und als Alma (=Seele, Geist, Verstand, tapfere junge Frau) nimmt sie ihre Leser auf eine ganz besondere Entwicklungsreise mit. Es kann nur ihre eigene sein. Alma trifft auf viel Wunderland: Wo der Dom vis-à-vis ihrer Wohnung des nachts in einer gestreiften Pluderhose durch ihr Fenster schaut und sie aufmuntert, wenn sie wieder einmal nicht schlafen kann. Und ihre Schwestern sind die Harfe Daphne und Emma, das Cello. Alma ist auf der Suche nach dem Leben und danach, dazu zu gehören – zu was eigentlich? Sie kämpft gegen die Ablehnung, die Einsamkeit und oft strudelt sie in gar sonderbare Abgründe, zurückgeworfen auf sich selber. Zu Beginn ihrer Reise begegnet sie mehr dem Tod als dem Leben. In der Nacht sitzt sie mit Alamin, dem Tagesgedankensammler und Wesenheitskünstler in der Wüste am Feuer und führt mit ihm tiefgründige Gespräche. Dabei geht es um das Wesentliche, das DaSein. Alma hat Mühe mit den vielen irritierenden Rollen und dem oberflächlichen Schein, dem viele Menschen anhängen. Schliesslich, so findet die Suchende heraus, sind es die Zwischentöne und die Zwischenräume, welche das Wesen in seinem Kern bilden und formen. Gerne würde sie dabei für sich eine neue Erdenrolle schaffen. Aber was ist eine, die im unendlichen Ozean des Schicksals herumschwimmt, und die bunten Schicksalsfäden wie Fische und Korallen durchforscht, bis sie ein Zipfelchen der Zusammenhänge des Schicksalswunders erblicken kann? – Vielleicht: eine Schicksalsmeeresschriftstellerin oder eine Wesenspflegerin.

Fest steht: Evelyn Reimann ist für ihren ersten Roman tief getaucht, hat mit dem Müssen und den Musen gerungen, dabei verarbeitet und wunderbares Heimatland entdeckt. Witzig-lakonisch ist ihre Tonart und herrlich phantasievoll sind ihre Wortkreationen. «Die Schicksalsweberei» ist pralles Lesevergnügen, gespickt mit spannend interpretierten Archetypen, Allegorien und Märchen – von der ersten bis zur letzten Seite: sinn- und geistreich.

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