WAS BLEIBT

Hoehematte 2026 Purpur Edition

18.08.2026 | Entwicklung verwickelt

Wie kommt es heraus? Und warum wissen wir so viel und machen es trotzdem nicht anders? Über Fortschritt, Verantwortung und die bequeme Vorstellung, selbst ausserhalb der Entwicklung zu stehen.

Es ist schnell gesagt.

Die Konzerne müssten. Die Politik sollte. Die Wirtschaft könnte nicht immer weiterwachsen. Die Menschen bestellen zu viel im Internet. Fliegen zu oft. Kaufen Dinge, die sie nicht brauchen. Lassen sich alles nach Hause liefern.

Stimmt vermutlich alles.

Und dann klingelt es an der Tür.

Das Paket ist da.

Und genau da wird es kompliziert. Nicht bei den anderen, sondern in diesem unspektakulären Moment, in dem zwischen Wissen und Handeln plötzlich das eigene Leben liegt.

Denn wir wissen viel.

Wir wissen um Klimawandel und Artensterben, um endliche Ressourcen und wachsende Abfallberge. Wir wissen, dass billig selten einfach billig ist. Dass unser Lebensstil Spuren hinterlässt, auch dort, wo wir sie nicht sehen.

Und bestellen trotzdem.

Nicht weil wir dumm wären. Vielleicht nicht einmal, weil es uns egal wäre.

Sondern weil es praktisch ist.

Und weil die Welt, deren Entwicklung wir kritisieren, gleichzeitig die Welt ist, in der wir unseren Alltag eingerichtet haben.

Wir wollen weniger Verkehr und mobil bleiben. Faire Produktion und bezahlbare Preise. Datenschutz und bequeme Apps. Weniger Ressourcenverbrauch und technischen Fortschritt. Klimaschutz und Ferien. Veränderung – solange nicht ausgerechnet das verändert werden muss, woran wir uns gewöhnt haben.

Selbst unsere Haustiere geraten inzwischen in die Nachhaltigkeitsrechnung. Sie fressen, verbrauchen Ressourcen, hinterlassen einen ökologischen Fussabdruck. Nicht nachhaltig also?

Und Kinder?

Wir selbst?

Sind wir überhaupt jemals nachhaltig?

Der Widerspruch ist schnell bei den anderen entdeckt.

Beim eigenen Leben wird er komplizierter.

Wie viel Veränderung wollen wir eigentlich, wenn sie bei uns selbst ankommt?

Man könnte daraus nun eine Frage der persönlichen Konsequenz machen. Weniger bestellen, weniger fahren, weniger fliegen, weniger verbrauchen. Nur wäre die Rechnung damit zu einfach. Als liesse sich die Entwicklung einer globalisierten Welt allein an Millionen einzelner Einkaufsentscheide korrigieren.

Denn wir bewegen uns in Strukturen, ja Verflechtungen, die wir weder allein geschaffen haben noch allein verändern können. Unternehmen entscheiden, was und wie produziert wird. Politik setzt Regeln. Preise beeinflussen Entscheidungen. Infrastruktur schafft Möglichkeiten und verhindert andere. Algorithmen lernen, was wir mögen, bevor wir überhaupt danach gesucht haben.

Das System sind nicht einfach wir.

Aber wir sind auch nicht ausserhalb des Systems.

Wir kaufen, wählen, nutzen, klicken, verlangen, verzichten, investieren, arbeiten. Wir profitieren von Entwicklungen, deren Folgen wir gleichzeitig beklagen. Wir treiben manches mit an, ohne es zu wollen. Und manches wollen wir sehr wohl – bloss nicht unbedingt das, was daran hängt.

Darin liegt die Zumutung von Verantwortung.

Nicht darin, für alles verantwortlich zu sein.

Sondern sich selbst nicht aus der Rechnung nehmen zu können.

Wir sprechen gerne von «der Entwicklung», als wäre sie etwas, das irgendwo vor unseren Augen abläuft. Wir beobachten sie, analysieren sie, beurteilen sie. Wir fragen uns, wie das alles wohl herauskommt.

Dabei stehen wir mittendrin.

Verwickelt sind wir längst.

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