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Biene By Purpur Edition

17.02.2020 | Der Honigriegel

Vieles, was wir wirklich brauchen, zeigt sich scheinbar zufällig. Plötzlich liegt es vor unseren Füssen. Nur Aufheben dürfen wir es selber.

Es war an einem Vollmondtag im Dezember, als meine Freundin Miriam und ich immer schneller durch die Strassen der Stadt gingen. Der eisige Wind nädelte auf unseren Gesichtern, und mit dem Bummeln war es nicht weit her. Zu kalt war's und obenauf mit Glatteis auf dem Gehsteig. So lief es für uns nicht gerade aalglatt, zumindest nicht mit derart glatten Schuhsohlen. Trotzdem waren wir in aufgekratzter Stimmung: Wir trotzten den eher widrigen Umständen mit herzhaftem Lachen – immer wieder auch über uns, die wir von der Kälte so überrascht wurden.
Auf einmal fand aber meine Begleiterin doch, sie habe wahnsinnig kalte Hände ohne Handschuhe, und in dieser dünnen Jacke müsse sie dann noch nachhause Velofahren. Doch früher am Tag schien noch die Sonne, und so habe sie sich völlig falsch angezogen, ohne den Abend zu bedenken. Nun aber friere sie erbärmlich. Gesagt, gefühlt und mitgefühlt. Ich schlug ein nahegelegenes Lokal zum Aufwärmen vor... Da erspähten wir schon im nächsten Moment an der Hauswand stehend, unter den Briefkästen eine unscheinbare Kartonkiste, angeschrieben mit: Gratis zum Mitnehmen. Oben heraus lugte etwas Stoffiges. Als erstes zerrte meine unterkühlte Freundin eine wollene Winterjacke heraus. Sie war gross genug und Miriam zog die Jacke über die an, die sie bereits trug. Perfekt! Wir schauten einander in unsere glänzenden Bescherungsaugen und wühlten nun vereint tief in dieser wärmenden Wundertüte des Schicksals. Schon hielt Miriam einen Handschuh und gleich darauf den zweiten in ihrer Hand. Wir prusteten los und freuten uns voller Dankbarkeit darüber, dass es das Leben gut mit uns meinte, und wir solche Schätze einfach auf der Strasse fanden – Gratis zum Mitnehmen!

Seither habe ich öfters am Wegrand das angetroffen, was ich mir entweder vor langer Zeit einmal gewünscht hatte oder gerade dann dringend brauchen konnte. So auch an jenem eher milden Februartag, als ich spät von Zuhause losging, um zu Fuss im Nachbardorf – samstags nach Ladenschluss – noch etwas zu erledigen. Ich folgte ein Stückweit dem Pilgerweg und merkte zu spät, dass ich bereits ein ansehnliches Loch im Bauch hatte vor Hunger. Als ich aus dem Wald herauskam, war dieses derart bohrend, dass es mir zwar nur kurz, schwarz vor meinen Augen wurde. Ich dachte, hätte ich wenigstens eine Orange eingepackt; wie süss und saftig die jetzt wäre! Und weiter: Nu denn, lernst du wieder einmal zu fühlen, wie es ist, wenn einem der Hunger plagt. So wirst du das Essen später daheim umso mehr geniessen und wertschätzen. Gesagt, gefühlt und nur eine Zehntelssekunde später lag vor meinem linken Schuh ein korrekt verpackter, nur leicht ramponierter Honigriegel. Fast wäre auch ich auf ihn getreten oder hätte ihn nicht bemerkt. Da stand zwar kein 'Gratis zum Mitnehmen' drauf. Doch klar: Ich hob ihn auf und verspies ihn genüsslich an Ort und Stelle – und sagte allem und allen mehrmals laut Danke.

Die Moral von den Geschichten: Sieh zu, dass du nicht über den Honigriegel stolperst, den das Leben immer wieder für dich bereithält – wenn du deine Wünsche zwar kennst, sie aber dann loslässt!

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